Der VJ-Coach

(M)ein modulares Kamera-Setup

Ein auf DSLRs aufbauendes, modulares System als Alternative zum Camcorder mit Wechseloptik. Wo liegen die Vorteile, wo die Nachteile – und macht das wirklich Sinn? Die perfekte Allroundkamera gibt es nicht. Es ist immer ein Abwägen. DSLRs (digitale Spiegelreflexkameras) und DSLM (spiegellose Systemkameras) sind im Vergleich zu Henkelmännern günstiger in der Anschaffung. Den riesen Vorteil von Wechseloptiken haben die DSLRs allerdings verloren, seitdem es bezahlbare Camcorder mit Wechseloptik gibt, bei denen sich Foto- und Filmoptiken anschrauben lassen. Es bleiben also weiterhin mehr Nach- als Vorteile:

Vorteile DSLR/DSLM vs. Camcorder mit Wechseloptik

  • günstiger Body-Preis
  • klein, ermöglicht unauffälliges Drehen
  • kann auch Fotos (für multimediales Arbeiten interessant)

Vorteile Camcorder vs. DSLR/DSLM

  • eine »richtige« Videokamera, die auch danach aussieht
  • lässt sich gut handeln
  • viele Knöpfe mit direkten Zugriff auf wichtige Funktionen
  • eingebauter ND-Filter
  • schnell drehfertig
  • Funkstrecke, Atmomikro und Kopflicht lassen sich ohne Kameracage direkt anbauen
  • weniger anfällig für Fehlerquellen
  • professionelle Anschlüsse (XLR, SDI)
  • nimmt zum Bild auch Ton ordentlich auf

Kaufentscheidung nach individuellen Anforderungen

Nach langem Hin und Her überlegen, auf welche „Art“ von Kamera ich bei meiner aktuellen Anschaffung setze, habe ich mir meine individuellen Anforderungen an die Kamera klargemacht. Natürlich spielt der Budgetrahmen dabei eine entscheidende Rolle, mitgedacht, wie wahrscheinlich es ist, dass sich die Anschaffungskosten in absehbarer Zeit auch wieder amortisieren, durch das in Rechnung stellen des eigenen Equipments bei Jobs.

Panasonic GH4 auf Mini Ring mit Monitor und Funke

Bei Jobs bekomme ich oft große Camcorder mit Wechseloptik gestellt. Ich drehe aber auch seit Jahren mit der GH-Reihe von Panasonic und mit der Black Magic Pocket Cinema Camera. Als Neuzugang in meinen Equipmentpool habe ich mich (wieder) für ein modulares Kamera-Setup entschieden. Die Basis ist ein DSLM mit Wechseloptik, in diesem Fall die Sony α6500: 4K, bildstabilisierter Sensor und von Zebra über Peaking bis S-Log alles drin. Allerdings auch zwei mal Bauchschmerzen: Rolling Shutter Probleme und kein (!) Kopfhörerausgang. In Seminaren rate ich eigentlich immer davon ab, eine Kamera ohne Kopfhöreranschluss zu kaufen, weil man seine Tonaufnahmen immer mit dem Ohr kontrollieren muss. Die kleinste Lösung des Problems ist ein HDMI-VGA-Converter. Die Dinger gibt es mit einem Kopfhörer-Out. Das Teil per HDMI mit der Kamera verbunden, und schon kann mitgehört werden. Ist allerdings nur eine Notlösung, da die Kopfhörerlautstärke nicht regelbar ist. Die bessere Lösung ist Teil des modularen Systems…

Als alternative zur Sony hätte ich gerne auf die GH5 von Panasonic gewartet, aber die kommt mir zu spät. Die Sony α7 SII war auch ganz weit auf meiner Liste, aber kostet das doppelte der α6500 und vor allem hätte ich zwei Drittel meiner Optiken nicht an dieser Vollformat-Kamera nutzen können. Der APS-C Sensor der α6500 reicht mir für die damit geplanten Einsätze, da die Sensorgröße knapp an Super 35mm ran reicht.

(Links zum im Text erwähnten Equipment und einigen vergleichbaren Alternativen gibt es am Ende des Post, und noch mehr bei den „Kaufempfehnlungen„)

Basis-Modul: Body mit Linse

Mein Setup #1 besteht aus der Kamera und Wechseloptiken. Über den Metabones Adapter F-/G-auf E-Mount kann ich alle meine Optiken weiter nutzen. Zwar überträgt der Adapter keine Blende, keinen Autofokus usw. Aber brauche ich nicht. Schärfe mache ich manuell und die Blende lässt sich direkt am Adapter stufenlos regeln. Natürlich hat die DSLM keinen ND-Filter eingebaut. Da kommen bei mir variable ND-Filter als Vorsatz vor den Optiken zum Einsatz, hauptsächlich der Light Craft Digi Pro-HD am Sigma f1.8 18-35mm.

Die Ton-Varianten

Die Kamera hat einen Audio-Input. Darüber kann entweder ein externes Atmo-Mikrofon (Sennheiser MKE-400 oder Rode Stereo VideoMic Pro) oder eine Funkstrecke (in meinem Fall die Sennheiser AVX) reinlaufen. Mit einem Kabelsplitter sogar beides gleichzeitig, die beiden Signale aufgetrennt auf den linken und rechten Audiokanal. Nur das unabhängige Pegeln der Signale ist in diesem Setup #2 nicht möglich. Die Lösung ist ein externer Audiorekorder (bei mir ein Tascam DR-60): Setup #3. Das komplette XLR-Paket mit Phantomspannung, richtigen Drehreglern und vor allem mit einem Kopfhöreranschluss zum Abhören während der Aufnahme. Über den Kamera-Out lässt sich der Audiomix zusätzlich in die Kamera leiten und dort bildsynchron aufnehmen. Der Tascam ist so konstruiert, dass er sich zwischen Stativplatte und Kamera schrauben lässt, das bietet einige Optionen. Ideal für Aufnahmen vom Stativ.

Das Bild/Ton-Modul

Seit Jahren habe ich immer einen externen Monitor auf der Kamera, wenn ich mit einer DSLR oder DSLM drehe. Die kleinen Kamerabildschirme sind mir einfach zu anstrengend für die Augen und eine Bildschirmlupe schränkt mich zu sehr in der Bewegung mit der Kamera ein.

Sony a6500 im Cage mit 4K Videorassist und externem Ton (Atom und Funke)

5 Zoll finde ich die passende Größe für einen externen Monitor auf einem drehenden Fotoapparat, habe mir jetzt allerdings zuletzt den 4K-Videoassist von Black Magic zugelegt (eine teurere Alternative wäre der ATMOS Shogun).Der Videoassist 4K hat 7 Zoll und kann 4K intern aufzeichnen. So kann der Kamera-Codec umgangen werden. Voraussetzung ist, dass die Kamera ein cleanes HDMI-Signal ausgibt, ohne Displayanzeigen und es sollten mindestens 8-Bit 4:2:2 sein. In meinem Setup #4 bedeutet das: Zum XAVC S Codec der Kamera kann ich über den Monitor auch in ProRes und DNxHD aufzeichnen. Was die Tonaufnahmen angeht, hilft mir der Monitor auch weiter. Er verfügt über zwei XLR Eingänge (leider nur Mini-XRL, aber lässt sich adaptieren), inklusive Phantomspeisung,  plus Kopfhörerausgang – und alle Bauchschmerzen, was die eingeschränkte Aufnahme und Abhör-Möglichkeit in Sachen Ton bei der DSLM angeht, haben sich somit erledigt! Die Kamera mit angeschlossenem Monitor und montierter Funke und/oder Atmomikro ist somit mein großes Setup #4, das keine Wünsche mehr offenlässt. Auf den externen Audiorekorder kann in dem Fall für die meisten Jobs verzichtet werden, außer es sind mehr als zwei Audiokanäle bei der Aufnahme gefragt. Natürlich lässt sich die Kamera auch mit all den Anbauten auf ein Schulterrig montieren. Damit gelingen ruhigere Aufnahme, allerdings ist man nicht mehr ganz so flexibel, was Kamerabewegungen angeht. Außerdem halten die Hände meisten das Rig und sind nicht an der Kamera, was Zoomen und Schärfenziehen ausschließt. Da gibt es zwar auch wiederum Möglichkeiten, aber …

Die bittere Pille

Kommen wir zu den »modularen« Nachteilen: Natürlich kosten all diese netten Zusatzteile wie Audiorekorder, externer Bildschirm, auch Adapterkabel und nicht zu vergessen ein Kamera-Cage oder ein Schulterrig, an den sich wieder der ganze Kram befestigen lässt, nicht gerade wenig und verdoppeln sehr schnell den Anschaffungspreis des Kamera-Bodys. Natürlich dauert es auch immer ein wenig, bis alles auf- und angebaut und man bzw. die Kamera drehfertig ist. Natürlich sind alle diese externen Module anfällig, was Wackler und defekte Steckverbindungen angeht. HDMI-Stecker und Buchsen (vor allem wenn eine Mini-HDMI dabei ist) sind sehr empfindlich und wenn der HDMI-Ausgang an der Kamera defekt ist, fällt der externe Monitor mit all seinen Möglichkeiten einfach aus. Bei der Verwendung eines externen Monitors kann es auch immer zu störenden Latenzen bei der Bild- und Tonübertragung kommen. Dennoch arbeite ich gerne modular.

Möglichkeiten und Grenzen kennen

Unterm Strich bleibt ein Camcorder mit Wechseloptik wohl immer die bessere Videokamera und DSLRs/DSLMs einfach Fotoapparate mit Videofunktion. Trotzdem ist für mich der modulare Ansatz eine Alternative. Das Setups #1 und #3 sind auch immer gut als B-Kamera einsetzbar. Die perfekte Kamera gibt es nicht, es ist und bleibt weiterhin ein Abwägen, was für jeden Einzelnen die aktuell passendste/beste Kameralösung ist. Wie bei jeder Kamera, aber besonders beim Drehen mit DSLRs gilt: Kenne die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen deiner Kamera, und setze das Equipment entsprechend ein!

Equipmentliste zum „Nachbauen“:

Kamera:

Sony α6500 [Hersteller-Link | Amazon-Link]

Objektivadapter:

Metabones Adapter [Hersteller-Link]

Novoflex Adapter [Hersteller-Link]

Vario ND Filter:

Light Craft Digi Pro-HD [Amazon-Link]

Externe Audiorekorder:

Tascam DR 60 [Hersteller-Link | Amazon-Link]

Externe Monitore

Black Magic Videoassist  [Hersteller-Link Amazon-Link]

Black Magic Videoassist 4K [Hersteller-Link Amazon-Link]

Mikrofone

Sennheiser MKE 400 [Hersteller-Link | Amazon-Link]

Sennheiser AVX [Herstellerl-Link | Amazon-Link]

Kamera Rigs/Cage

Tilta Camera Rigs [Hersteller-Link]

Walimex Pro Universal Camera Rig/Cage [Hersteller-Link | Amazon-Link]


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